Von der Forschung in die Praxis: 80 Prozent der Haut wiederhergestellt, Junge gerettet

16. November 2017

Berlin, 16.11.2017 – „Das mediale Echo auf die Publikation aus Bochum in der höchst anerkannten wissenschaftlichen Zeitschrift Nature war zu Recht weltweit überragend, noch nie wurde so großflächig bei einer seltenen Erkrankung Haut ersetzt. Die potentiellen Anwendungsgebiete, nicht zuletzt in der Plastischen Chirurgie, sind vielfältig“, konstatiert Prof. Dr. Riccardo Giunta, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) mit Blick auf die Berichterstattung zu dem weitreichenden Hautersatz bei einem siebenjährigen, unter der Schmetterlingskrankheit leidenden Jungen. Im Labor wurde aus dessen eigenen, genmodifizierten Stammzellen Haut nachgezüchtete. Damit war es möglich, die bereits zu 80 Prozent durch die Erbkrankheit zerstörte Oberhaut wiederherzustellen und dem Jungen so neben dem Überleben auch gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Im Team zum Ziel
„Bei diesem Fall treffen viele Besonderheiten unseres Fachgebietes zusammen“, berichtet Prof. Giunta. Die Plastische und Ästhetische Chirurgie sei ein Fach der Techniken, das sich um Form und Funktion am gesamten Körper kümmert. Sie stehe häufig am Ende der Behandlungskette, wenn andere Möglichkeiten ausgeschöpft seien oder nach der Heilung eine Wiederherstellung notwendig werde, etwa nach einer Krebserkrankung und arbeitet zumeist interdisziplinär – also mit anderen Fachgebieten gemeinsam. „So war es auch hier“, erläutert Privatdozent Dr. Tobias Hirsch, der von Seiten des Brandverletztenzentrums des Universitätsklinikums Bergmannsgeil der Ruhr-Universität Bochum den Patienten über zwei Jahre betreute. „Der damals siebenjährige Hassan litt bereits unter einer Blutvergiftung, war auf 17 Kilo abgemagert und  erschien mit einer damals bereits zu 60 Prozent zerstörten Oberhaut als hoffnungsloser Fall. Durch eine Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Michele De Luca vom ,Center for Regenerative Medicine‘ an der Universität von Modena  in Italien konnte ein bisher experimentelles Therapiekonzept umgesetzt werden, um den jungen Patienten zu behandeln“ erläutert PD Hirsch die innerärztliche Abstimmung. Mit dieser Kooperation sei die Transplantation genetisch modifizierter epidermaler Stammzellen möglich gewesen. Diese Stammzellen des Patienten seien mittels Hautbiopsie in Bochum gewonnen und in Modena weiter verarbeitet worden. „Anschließend konnten wir diese Haut dann an der Klinik für Plastische Chirurgie transplantieren. Nun, zwei Jahre später, verfügt Hassan über eine stressresistente, stabile Oberhaut. Wir sind optimistisch, dass sein Zustand stabil bleibt“, schließt PD Hirsch. Auch für Prof. Giunta ist diese weltweit einzigartige Wiederherstellung Anlass zu Optimismus: „Die exzellente Grundlagenforschung in der Plastischen Chirurgie zeigt, dass die Möglichkeiten zur bestmöglichen Versorgung unserer Patienten immer weiter ausgebaut werden können. Dies ist für unser Fachgebiet, das häufig sehr individuelle Lösungen erfordert, von besonderer Bedeutung. So könnte diese Technik auch die Versorgung von Schwerbrandverletzten befördern. Die aktuellen Möglichkeiten sind limitiert, da zur Wiederherstellung unversehrte Haut benötigt wird, die manchmal nicht in ausreichendem Maße vorhanden ist.“

Link zur Presseinformation der Ruhr-Universität Bochum:
http://bergmannsheil.bg-kliniken.de/medien/presse-einzelansicht/news/weltweit-einzigartig-junge-erhaelt-dank-gen-therapie-neue-haut/

Link zum Artikel in „Nature“:
https://www.nature.com/articles/nature24487