Preis „Der besondere Patient“

Mit der Auszeichnung „Der besondere Patient“ ehrt die DGPRÄC Patienten, deren Operation die vielfältigen Möglichkeiten der Plastischen Chirurgie erkennen lässt und deren Courage auch anderen Betroffenen Mut gemacht hat. Der Preis wird seit 2017 verliehen.

Für die Preisvergabe qualifiziert sind Einzelpersonen und Selbsthilfegruppen. Diese können sich initiativ bewerben, aber auch von Mitglieder der DGPRÄC vorschlagen werden. Über die Vergabe des Preises entscheidet der Vorstand der DGPRÄC. Die Preisträger werden im Rahmen der DGPRÄC-Jahrestagung geehrt. Der Preis ist bei Anbindung an eine Selbsthilfe-Organisation mit 3000,- Euro und für Einzelpersonen mit 1500,- Euro dotiert. Einsendeschluss ist jeweils der 31. Mai des Jahres.

 

Der besondere Patient 2019

Bärbel Thießen erlebte das, wovor viele Frauen Angst haben: Im Mai 2015 erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. In mehreren Operationen musste der Tumor entfernt werden, überdies erhielt sie noch eine Chemotherapie und Bestrahlung. Gleich von Beginn an merkte sie, wie wichtig und hilfreich der persönliche Austausch für sie war. Auch den behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal wurde schnell klar, dass Bärbel Thießen die richtigen Worte für andere Patientinnen findet und ihnen damit die Angst vor der Behandlung nehmen kann. So startete sie direkt nach der ersten Operation zum Brustaufbau im Januar 2017 mit ihrem Engagement für besorgte Patientinnen.

Einsatz für Betroffene: Reden hilft
Zunächst betreute sie einzelne Frauen, aber durch ihren engagierten Einsatz erweiterte sich schnell das Angebot und so gründete sie den ersten Gesprächskreis des BRCA-Netzwerks an der Westküste Schleswig-Holsteins. Dort treffen sich regelmäßig Betroffene und Ratsuchende, auch ohne die Genmutation BRCA, zum Erfahrungsaustausch, daneben werden auch Dozenten eingeladen, die zu verschiedenen Themen informieren. Bärbel Thießen gelingt es, Frauen mit unterschiedlichen Krankheitsgeschichten deutschlandweit zu vernetzen. „Die Erkrankung war eine große Herausforderung für mich, aber meine Arbeit im BRCA-Netzwerk zeigt, dass eine Krise am Ende etwas Positives hervorbringen kann“, erklärt sie. Mittlerweile ist ihr Engagement ihr „privates Baby“. Sie sei besonders froh darüber, dass das BRCA-Netzwerk eigenständig tätig sein kann.

„Frau Thießen ist eine beeindruckende Persönlichkeit, weil sie sich durch ihre Brustkrebserkrankung nicht entmutigen ließ, sondern auch anderen Betroffenen mit ihrer Courage und Energie geholfen hat, diese Problemsituation zu bewältigen. Innerhalb kurzer Zeit hat sie ein weitreichendes Beratungsangebot geschaffen“, konstatiert Prof. Dr. Riccardo Giunta, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC).

Kooperationsvereinbarung mit Holsteinischen Brustzentrum
Inzwischen gibt es eine Kooperationsvereinbarung mit dem aus vier Kliniken bestehendem Holsteinischen Brustzentrum und auch Patientenorganisationen in Hamburg wurden bereits unterstützt. Es gelang Bärbel Thießen, in nur etwas mehr als einem Jahr ein überregionales Angebot für Brustkrebspatientinnen zu schaffen. Bärbel Thießen verhalf die Brustrekonstruktion zu neuem Selbstbewusstsein. Ihre neu gewonnene Lebensenergie setzt sie zum Wohle anderer Patientinnen ein. „Das ist für mich eine Win-win-Situation“, sagt sie. „Bärbel Thießen war und ist ein Glücksgriff für unsere Klinik, das Holsteinische Brustzentrum und das BRCA-Netzwek“, betont Dr. Georgios Kolios, Leiter des Departments für Plastische und Ästhetische Chirurgie am Klinikum Itzehoe. Bereits nach ihrer ersten Operation im Rahmen der mehrstufigen Rekonstruktion habe sie mit besorgten Patientinnen gesprochen und das Engagement stets weiter ausgebaut. Dabei mache sie nicht nur ihr Fein- und Mitgefühl zur perfekten Ansprechpartnerin, auch ihre Brustrekonstruktion selbst verdeutliche anschaulich Möglichkeiten und auch Risiken

Vom Expander zum Eigengewebe und Eigenfett
Bärbel Thießen verhalf die Brustrekonstruktion zu neuem Selbstbewusstsein. Ihre neu gewonnene
Lebensenergie setzt sie zum Wohle anderer Patientinnen ein. „Das ist für mich eine Win-win-Situation“, sagt sie. Bärbel Thießen wurde bei der Entfernung des Tumors zunächst ein Expander als Platzhalter eingesetzt, dieser sollte den verbliebenen Hautmantel gedehnt halten und gibt Zeit, sich zunächst mit der Heilung zu beschäftigen. Nach einem Jahr verhärtete sich das Gewebe um den Expander, es kam zu einer schmerzhaften Kapselfibrose. „Ich war zu dem Zeitpunkt neu an der Klinik und froh, helfen zu können“, berichtet Dr. Kolios vom Holsteinischen Brustzentrum. Bärbel Thießen hatte sich für eine Rekonstruktion aus Eigengewebe entschieden, wollte aber den häufig genutzten Bauch als Spenderregion nicht verwenden. „Die Patientin hatte zunächst an Entnahme von Fett und Muskel aus dem Oberschenkel gedacht, ich konnte sie von einem Profunda Arterien Perforator Lappen überzeugen, dabei sitzt die Narbe am Oberschenkel weiter hinten und es wird kein Muskel entnommen“, erläutert Kolios die Vorteile. Die Patientin war zufrieden, die Narbe kaum sichtbar, die durch die Strahlentherapie geschädigte Haut der Brust wurde durch Haut vom Oberschenkel ersetzt und die gesunde Brust verkleinert und damit angeglichen. Leider kam es in Folge der Bestrahlung zur Dellenbildung oberhalb der rekonstruierten Brust, ein Defekt, der mit Eigenfett aufgefüllt werden konnte, welches durch eine Fettabsaugung am anderen Bein gewonnen wurde. Dabei wurde auch der leichte Größenunterschied der Beine nach der Brustrekonstruktion angeglichen. Nun sei nur noch die Tätowierung der in Teilen verlorenen Brustwarze offen.

Enge Kooperation Plastische Chirurgie / Gynäkologie
Eine derartige Behandlung erfordert umfassende Kooperation der ärztlichen Akteure, betont Dr. Kolios. So sei es von besonderer Bedeutung, dass bestenfalls alle Fachgruppen vor dem Ersteingriff mit der Patientin die Möglichkeiten einer späteren Rekonstruktion abwägen. „Nur so ist es möglich, dass der Gynäkologe bei der Entfernung des Tumors bereits erste Maßnahmen für eine spätere Rekonstruktion trifft“, erläutert der Plastische Chirurgie und lobt seinen Kollegen Dr. Uwe Heilenkötter, Chefarzt des gynäkologischen Krebszentrums seiner Klinik. „Transparent werden von uns im Team Vor- und Nachteile der Rekonstruktion mit Implantat im Vergleich zur Rekonstruktion mit Eigenfett dargestellt“, führt er aus. So sei Patientinnen oft nicht bewusst, dass sich eine mit Implantaten rekonstruierte Brust anders anfühle, anders bewege und nicht natürlich altere. Oft sei den Patientinnen auch das Risiko einer Kapselfibrose unklar und das die Haltbarkeit eines Implantates immer begrenzt sei – Folgeeingriffe seien also unvermeidbar. Hinzu kämen absehbare Probleme bei einer Implantatrekonstruktion nach Bestrahlung. „Bei uns, im Holsteinischen Brustzentrum sind die Patientinnen stets gut informiert und können sich bewusst für die von ihnen nach Abwägung präferierte Lösung entscheiden“, stellt Dr. Kolios zufrieden fest und dankt Bärbel Thießen, die diesen schwierigen Entscheidungsprozess mit einer sehr nahbaren Perspektive aus ihrer eigenen Erfahrung heraus unterstützt.

 

Der besondere Patient 2018

Ausgerechnet der Valentinstag 2016 änderte alles: Vanessa Münstermann wurde in den frühen Morgenstunden von ihrem Ex-Freund mit Schwefelsäure übergossen. Ihre linke Gesichtshälfte und Teile des Dekolletés sind seither deutlich gezeichnet. „Ich musste diese schreckliche Erfahrung in etwas Positives umwandeln, nur so war der Schmerz zu ertragen“, berichtet Vanessa Münstermann. Die Gründung von „AusGezeichnet“ helfe ihr bis heute bei der Bewältigung des Traumas. „Mit dem Verein kann ich von Geburt, durch Unfall oder ein Verbrechen entstellten Menschen einen Raum geben, Gespräche führen und so anderen zur Seite stehen, aber auch selber Kraft schöpfen – gemeinsam sind wir stark“, verdeutlicht Münstermann Sinn und Zweck des gemeinnützigen Vereins. „Das Erlebte derart zu verarbeiten, ist äußerst bewundernswert und war für den Vorstand Anlass, Frau Münstermann als die besondere Patientin 2018 auszuzeichnen“, konstatiert Prof. Dr. Riccardo Giunta, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC).

Plastische Chirurgie = Wiederherstellung
Prof. Dr. Peter M. Vogt, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie an der Medizinischen Hochschule
Hannover führt aus, dass bei der Behandlung zahlreiche Maßnahmen zum Tragen kamen, die die Plastische Chirurgie auszeichnen. „Die Wiederherstellung erfordert Geduld, Kreativität, zahlreiche Techniken, interdisziplinäre Zusammenarbeit und nicht zuletzt das Einfühlen in den Patienten. Die Plastische Chirurgie ist eine sprechende Chirurgie“, stellt er klar. „Um ein weiteres Eindringen der Säure zu verhindern, wurde das verätzte Gewebe unter Schonung der Gesichtsnerven sofort entfernt, so konnte die Beweglichkeit der Mimik erhalten und ein Vordringen der Säure bis auf den Kieferknochen verhindert werden. Dank unserer Möglichkeiten im Rahmen unseres Verbrennungszentrums konnten wir die Defekte mehrfach wieder decken“, berichtet der Plastische Chirurg und stellt klar, dass die Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft seien, es nun aber an der Patientin sei, zu bestimmen, was wann folge.

Kommunikation hilft!
„Für mich war es besonders wichtig, dass irgendwann der Zeitpunkt erreicht war, wo ich entscheiden durfte und wollte, wie es weiter geht. Es hat mich gestärkt beim Nach-Vorne-Schauen und mir Kraft und
Selbstbewusstsein gegeben, auch im Dialog mit den Ärzten immer als Mensch und nicht als Fall
wahrgenommen zu werden“, teilt Vanessa Münstermann ihre Sicht der Dinge. „Letztlich war es für mich
zunächst wichtiger, den Dialog zu suchen, anderen zu helfen und etwas zurückzugeben“, führt sie aus. So sei es schließlich zu der Gründung von „AusGezeichnet“ gekommen. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, plötzlich angestarrt zu werden und beim Blick in den Spiegel zu verzweifeln. Der Dialog, der Austausch mit anderen Betroffenen, der Aufbau des Vereins, das alles hat mir geholfen, ein neues Leben aufzubauen“, berichtet die 29-Jährige. Besonders viel Freude bereite es ihr, Verbrennungs- und Säureopfern in anderen Teilen der Welt notwendige Mittel zu Versorgung ihrer Wunden zukommen zu lassen. „Ich wurde und werde optimal medizinisch versorgt, das Glück hat nicht jeder. Menschen, denen es anders ergeht, zumindest dabei zu helfen, Infekte zu vermeiden, an denen sie schließlich sterben könnten und trotz mangelhafter Versorgung ein möglichst ästhetisches Ergebnis zu erzielen, gibt meinem Leben und Schicksal einen neuen Sinn,“ schließt sie.

 

Der besondere Patient 2017

Erste Preisträgerin ist Susanne Helmbrecht, Leiterin des Bundesverbands Lymphselbsthilfe e.V., die auf der DGPRÄC-Jahrestagung in Graz (Österreich) den Preis entgegennahm. „Das Lymphsystem ist so etwas wie die Müllabfuhr des Körpers“, erklärt die Preisträgerin aus Herzogenaurach. „Abgestorbene Zellen oder Eiweiße werden von der Lymphflüssigkeit gesammelt und über die Lymphknoten abtransportiert.“ Bei einem Lymphödem funktioniert dieses System nicht mehr – die Lymphe sammelt sich im Körper an und lässt ihn anschwellen. „Dies kann genetische Gründe haben oder, wie in meinem Fall, die Folge der Entfernung der Lymphknoten nach Krebs. Auch eine Fettverteilungsstörung kann ein Auslöser sein.“ Susanne Helmbrecht bekam ihre Krankheit in den Griff und wollte mit ihren Erfahrungen anderen Betroffenen helfen. Zusammen mit weiteren Lymphödem-Patienten gründete sie 2012 den Bundesverband Lymphselbsthilfe e. V., der neben Workshops, Zeitschrift und Beratungstelefon auch bei der Gründung eigener Selbsthilfegruppen berät. „Wir sind außerdem in den politischen Gremien aktiv, um die Versorgung der Lymphödem-Patienten in Deutschland zu verbessern“, betont Susanne Helmbrecht. Vor allem in der Behandlung des Lipödems sieht sie noch Defizite. Die Fettverteilungsstörung tritt häufig an Hüfte, Oberschenkeln und Oberarmen auf und kann das Lymphsystem ebenfalls schädigen (Lip-Lymphödem).

Operative Möglichkeiten
Ein Lymphödem erfordert Disziplin: Viel Bewegung, regelmäßige Lymphdrainagen und das Tragen von Kompressionsstrümpfen gehören zum Alltag. „Die Plastische Chirurgie bietet Lymphödem-Patienten auch operative Möglichkeiten an“, erklärt Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h. c. Raymund E. Horch, Präsident der DGPRÄC. „Das geschädigte Lymphsystem kann durch die Transplantation von Lymphknoten und Lymphgefäßen wieder in Gang gesetzt werden.“ Wichtiger sei es jedoch, Lymphödeme von Anfang an zu kontrollieren oder sie im besten Fall zu verhindern. „Nach einer krebsbedingten Lymphknoten-Entfernung bitten wir die frisch Operierten, genau auf die Symptome ihres Körpers zu achten, um eine mögliche Lymphgefäßstörung frühzeitig zu erkennen“, betont Prof. Horch. „Auch ein Lipödem kann durch eine Fettabsaugung behandelt werden, so dass es nicht zu einem Lip-Lymphödem kommen kann.“