Humanitäre Hilfe in Somalia aus Bad Kreuznach

Wie kommt ein Team von Interplast-Bad Kreuznach ausgerechnet nach Somalia?

„Somalia? Sind da nicht die Piraten? Fahrt da nicht hin, das ist gefährlich!“ So hofften unsere Lieben uns im Frühjahr umstimmen zu können. Sie hatten Schreckliches von Medien und Ministerien gehört. Wir kamen ins Nachdenken: saß doch wenige Wochen vorher in unserem Wohnzimmer Ali Mohammed, 59 Jahre alt, in Somalia aufgewachsen und als junger Mann vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen. Damals durfte er hier direkt eine Lehre beginnen und brachte es mit seinem Fleiß und seiner Einsatzbereitschaft zu geringem Wohlstand und einer kleinen Familie.

Ali hatte seine Heimat niemals vergessen und sobald es die dortigen politischen Verhältnisse erlaubten, begann er die leidende Bevölkerung Somalias zu unterstützen. Zuerst ein paar Koffer mit notwendigsten Medikamenten. Dann sammelte er Geld um zwei Schulgebäude notdürftig wieder aufbauen zu lassen. 2019 erhielt er dann durch eine Großspende die Chance, ein kleines Krankenhaus zu errichten. Inzwischen hat er dort schon zweimal mit der deutschen HNO Ärztin Frau Dr. Lämmle einen Einsatz für Lippenspalten organisiert. Dabei wurde ihm bewusst, wieviel weiteres Leid rund um sein Krankenhaus auf Hilfe wartete. Vor allem kindliche Verbrennungsopfer hofften damals vergeblich auf Heilung. Das Internet verriet Herrn Ali dann die Adresse von André und Eva Borsche. Er bat um ein Kennenlernen. Von seinem Wohnsitz in Heidelberg aus war es nicht weit. Mit seiner sanften Stimme, seiner sachlichen Art, seinem verständnisvollen Bemühen auf unsere Fragen einzugehen, waren wir beide gleich von ihm und seinem Projekt eingenommen. Er schien auch mit der tonangebenden Schicht in Somalia gut vernetzt zu sein, denn er versprach uns, dass wir weder mit dem Zoll noch mit der Einreisebehörde Probleme bekämen. Und nun der Konflikt: wem soll man folgen: der offiziellen Berichterstattung über den Bildschirm mit ihren deutlichen Warnungen oder einem Menschen, den wir erst vor kurzem kennenlernen durften, der uns aber mit seinem Willen den Menschen in seiner Heimat unmittelbar und unbürokratisch zu helfen, schwer beindruckte. Wir entschieden uns für letzteres.

Ein kleines, konflikterfahrenes Team von Interplast mit den Anästhesisten Herbert Bauer aus Pliezhausen nahe Stuttgart und Andreas Anke aus München sowie OP-Schwester Dorit Boecken aus Köln zusammen mit Ali und den Borsches reiste nach Garowe, der Hauptstadt von Puntland, dem nördlichen Bundesland von Somalia. Bereits am Flughafen wurden wir persönlich vom Gesundheitsminister auf dem Rollfeld begrüßt. Es wurde uns gleich zugesichert, dass wir uns um unsere Sicherheit keine Sorge machen müssten. Der Bundesstaat Puntland liegt fast 1000km nördlich von der Zentralregierung in Mogadishu, wo auch heute noch mit Terroranschlägen und Stammesfehden zu rechnen ist. Noch weiter nördlich liegt der Bundesstaat „Somaliland“ politisch abgetrennt, der als souveräne Einheit auf internationale Anerkennung hofft.

Das Team, Ankunft in Garowe

Im von uns besuchten, schon in der Bibel erwähnten sagenumwobenen Puntland leben hauptsächlich Nomaden. Sie sind in Stämmen und großen „Clans“ organisiert. Den „Stammesältesten“ in Puntland gelang es, eine momentan recht stabile Balance zwischen dem Heilsversprechen europäisch moderner Wirtschaftsstrukturen und strategisch rationalen europaähnlichen Umgangsformen einerseits und althergebrachten Respekthierarchien andererseits zu finden.

Unser Krankenhaus, das „Somcare Hospital“, steht genau zwischen zwei großen Flüchtlingslagern am Rande von Garowe mitten in der Wüste. Die Puntländische Regierung verspricht Bürgern sowie Migranten nicht viel. Keine Bildung, keine Krankenversorgung, kein Sozialsystem. Doch das für sie momentan Wichtigste wird gewährleistet: Sicherheit. Es gibt Militär, Straßensperren, Patrouillen und Polizeidienststellen. So können die Kinder, die sich in der Stadt durch Schuhputzen einen Tageslohn von wenigen Cents als Lebensunterhalt für ihre Familien verdienen, ihr Geld am Abend sicher nachhause tragen. Wer nicht arbeitsfähig ist, hungert. Krankheit ist doppelte Strafe. Schmerzmittel, Antibiotika kosten Geld. Der Clan übernimmt die Verantwortung und kümmert sich.

Welch‘ ein Sonnenstrahl der Hoffnung erreicht diese völlig verarmten Familien mit der Ankündigung unseres Kommens! Vom Feuer entstellte Kinder, Jugendliche, die ihren Arm nicht bewegen können, Frauen mit Fehlbildungen am Rücken, die sie die schweren Lasten des Alltags nur unter Schmerzen schleppen lassen. Alle werden uns vorgestellt. Ali und unsere afrikanischen Kollegen hören geduldig zu. Besonders die Nomaden berichten bildreich und in vielen Facetten die Krankengeschichte ihrer Angehörigen. Der Untersuchungsraum wimmelt von Menschen. Doch am Ende hat jeder seinen Operationstermin.

So auch Abdi Malik: als er erst 13 Tage alt war, brannte das Zimmer, in dem er mit seiner Familie lebte, nieder. Dieses Unglück war ein schwerer Schlag für die ganze Familie. Zunächst wurde er für tot erklärt, doch nach intensiver Beatmung zeigte er wieder Lebenszeichen.

Jetzt, acht Jahre später hat Abdi Malik das Glück von Interplast operiert zu werden. Sechs Tage nach der Operation zeigte er zum ersten Mal echte Lebensfreude. Er kann erstmalig seine Augen und seinen Mund schließen, und spielt fröhlich mit anderen Kindern.

Zum Abschied: Malik kann wieder lachen

Fatima hatte bei einem Haushaltsunfall durch ein offenes Holzfeuer Verbrennungen am Oberkörper erlitten, nachdem ihr langes Kleid Feuer gefangen hatte. Solche Unfälle passieren leider häufig, insbesondere beim Kochen über offenen Flammen und beim Tragen weiter Kleidung. Umso schöner ist es, dass sie gesund und unbehindert nach Hause zurückkehren kann. Ihre Mutter ist dringend auf Fatimas Hilfe angewiesen.

Nasteho ist heute 9 Jahre alt. Als sie fünf Monate alt war, krabbelte sie in Richtung einer kochenden Teekanne und zog sich dabei Verbrennungen an einem Fuß und an einer Hand zu. Ein Moment des Unglücks und dann, 9 Jahre später bedanken sich ihre Großeltern für das große Glück, dass die Verletzungen behandelt werden können.

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„Thank you!“

Maida ist 5 Jahre alt. Als sie 1 Jahr alt war, wurde sie von einer Schlange gebissen. Seitdem war ihr Fuß deformiert. Nach einer aufwendigen Operation ist sie eines der glücklichsten Mädchen im „Somcare Hospital“. Ihr Fuß heilt zusehends und sie wird ohne Schmerzen laufen können.

Nimco ist ein 7-jähriges Mädchen aus einer Nomadenfamilie. Drei Tage nach ihrer Geburt entwickelte sie eine schmerzhafte Schwellung an der Oberfläche ihres Fußes, vermutlich eine Infektion oder ein Abszess. Nach und nach verkrüppelte der gesamte kleine Fußrücken.

Nach der Operation möchte Nimco nicht länger auf einem Kamel getragen werden. Stattdessen will sie selbstständig laufen, sich um die Lämmer ihrer Familie kümmern und die unendliche Steppe erkunden.

So wie diesen fünf Kindern konnten wir insgesamt 25 Patienten in 8 Tagen operativ helfen. Dabei handelte es sich teilweise um sehr aufwendige Rekonstruktionen mit Gewebelappenplastiken und Hauttransplantationen. Viele bekamen eine Gipsschiene, um die Heilung abzusichern. Glücklicherweise kam es zu keinen Komplikationen, dank auch der gewissenhaften Nachbetreuung.

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Ikra nach erfolgreicher Hand-OP

Alle Faktoren, die zu einem erfolgreichen Einsatz gehören waren für uns in Garowe aufs Beste gewährleistet. Ununterbrochen sorgte Herr Ali für hygienische Verhältnisse im Operationssaal und für Nachschub medizinischen Materials. Er hatte auch junge Pflegekräfte und Ärzte aus der Region für unsere Sache gewinnen können, die uns nach kurzer Einarbeitungszeit tatkräftig unterstützten. Sie alle haben nach unserer Heimreise die Patienten mit Visiten, Verbandswechseln, Entfernung von Schrauben und Drähten und krankengymnastischen Empfehlungen zuverlässig betreut.

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Das INTERPLAST-Team mit Gesundheitsminister

Beschenkt mit neuen Freundschaften, der Gewissheit wirklich sinnvolle Hilfe geleistet zu haben und noch erfüllt von Hilfsbereitschaft, Wohlwollen und Gastfreundschaft nahmen wir Abschied von Puntland am „Horn von Afrika“, einem „neu entdeckten“ Land voller Verheißungen …

Eva und André Borsche