Aus Hilfsbedürftigen werden Partner: Herzliche Freundschaft mit tschetschenischen Ärzten

Interplast-Einsatz in Grozny, Tschetschenien, im April 2017

Das Band, das vor zehn Jahren durch Interplast mit Dr. André Borsche und Dr. Hubertus Tilkorn zwischen Deutschland und Grozny, der Hauptstadt der kaukasischen Sowjetrepublik Tschetschenien, geknüpft wurde, war damals primär als humanitäre Unterstützung geplant. Einem durch zwei Kriege zerrüttetes Land, Menschen mit schweren Entstellungen ohne irgendeine medizinische Versorgung und Kindern, die durch Kriegswirren elternlos und entwurzelt waren, sollte unkompliziert Hilfe zuteilwerden. Diesen damals völlig ungewöhnlichen und mutigen Schritt der Kreuznacher Interplast-Sektion haben die Tschetschenen nie vergessen.

Die 2006 und 2007 darauffolgenden medizinischen Einsätze unter entbehrungsreichen Umständen sind nicht nur den Beteiligten, sondern großen Teilen der Bevölkerung Groznys immer noch lebendig vor Augen. Auch bei unserem jetzt vierten Hilfseinsatz im April 2017 reisen wir auf einer Welle der Dankbarkeit. Trotz eines Generationswechsels in den Ministerien lassen sich die jetzigen Amtsinhaber immer wieder Berichte über das damalige Engagement der Deutschen erzählen. Uns wurde klar, welch entscheidende Impulse die Kreuznacher Initiative damals für die medizinische Versorgung besonders der Kinder in Grozny gesetzt hatte.

Heute erleben wir Grozny als prosperierende Großstadt. Die letzten Trümmer, die 2013 noch zu sehen waren, sind modernen Wohnanlagen gewichen. Der Empfang für das Zehn-Personen-Team unter Borsches Leitung ist mehr als herzlich. Der ärztliche Direktor und die gesamte Abteilung für Kindergesichtschirurgie begrüßen uns als treue Freunde. Schon so lange hat man auf unseren Besuch gewartet! Alles ist aufs Feinste vorbereitet: Zwei Operationssäle und 30 Kinderbetten sind für uns geputzt und freigestellt. Besonders beeindruckend sind der Eifer und die Vorfreude der Ärzte und Schwestern, uns ihre eigenen Patienten vorstellen zu können. Stolz zeigen sie uns alles, was sie durch die Kreuznacher Einsätze gelernt haben. Wir sind erstaunt, welch schöne Operationsergebnisse sie mit präzise verheilten Lippen- oder Gaumenspalten erzielt haben.

Hilfe zur Selbsthilfe

Dr. Said, der junge Leiter der gesichtschirurgischen Abteilung, war schon 2006 mit damals 19 Jahren  beim ersten Einsatz des Kreuznacher Teams mit dabei und hatte bei den Operationen zuschauen dürfen. Nach seiner Ausbildung hat er inzwischen eine eigene kleine plastisch-chirurgische Fachabteilung für Kinder aufbauen können, in der täglich bedürftige Kinder versorgt werden. Die schweren Fälle hat Dr. Said für unseren Besuch einbestellt. Gemeinsam mit ihm untersuchen und beraten wir über 160 Patienten. 59 Operationen werden durchgeführt. Viele Kenntnisse und Handfertigkeiten werden untereinander ausgetauscht. Auch der Chefarzt der Anästhesie freut sich über den fachlichen Erfahrungsaustausch auf hohem Niveau mit unseren Anästhesisten, insbesondere über die Behandlung von Früh- und Mangelgeborenen. Die Schwestern und Pfleger diskutieren über Gipsverbandtechniken und neue OP-Materialien. An der medizinischen Fakultät der Universität hält Dr. Borsche Vorlesungen, die von den Studenten begeistert aufgenommen werden. So unterstützen wir Plastische Chirurgen mit unserer Hilfe die Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung Tschetscheniens und versorgen gleichzeitig viele sozial schwache Kinder durch unsere rekonstruktiven Operationen.

 

  • Erwartungsvolle Blicke (Foto: Interplast)

Außerhalb des Krankenhauses verändert sich das Straßenbild in rasanter Geschwindigkeit. Auf den Trümmerfeldern von damals werden die neuen Wolkenkratzer nachts in wechselnden Farben angestrahlt. Kindgerechte Vergnügungsparks, mutig konstruierte Theater, gigantische Einkaufszentren, imposante Prachtstraßen und Moschen wie aus „Tausendundeiner Nacht“sind entstanden. 2013 sahen wir noch menschenleere Straßen, die sich inzwischen mit Leben gefüllt haben. Die Familien lagern auf den Parkwiesen, junge Männer dröhnen auf nagelneuen Motorrädern vorbei. Die Wirtschaft floriert. Ingenieure und Berater aus aller Herren Länder sind gefragt. Märkte werden erschlossen. Die neue Führungselite ist jung und aufgeschlossen. Der Gesundheitsminister lädt uns zum Grillen in das brandneue Freizeitareal am Hochgebirgssee im Kaukasus ein und sucht unseren Rat bezüglich der Entwicklung einer sinnvollen ärztlichen Versorgung schwer kranker Kinder.

Ein Wiedersehen mit Patienten

Eine besondere Freude für uns ist natürlich das Wiedersehen mit Kindern, die früher schon einmal in Bad Kreuznach behandelt wurden. Mit kleinen Geschenken bedanken sich die Eltern auf das Herzlichste. Und natürlich immer wieder die Frage: Kann man vielleicht auch das von Verbrennungsnarben entstellte Mädchen, das uns heute vorgestellt wird, in Deutschland behandeln? Von uns werden wahre Wunder erwartet! Die Krankengeschichte muss noch geprüft werden. Das Ministerium will sich an den Flugkosten beteiligen.

Treue und menschliche Verbundenheit sind in einem Land, das nach jahrhundertelangen kriegerischen Auseinandersetzungen und Vertreibungen erstmals Ruhe zu finden scheint, allerhöchstes Gut. Unzählige Menschen, selbst Regierungsmitglieder, profitieren von dem tief verankerten Vertrauen, das auf der Hilfeleistung der Kreuznacher fußt, die Grozny zu Zeiten größter Not halfen. Die Alten erinnern sich voller Rührung, die Jungen sind voller Bewunderung.

Ich frage den jungen tschetschenischen Arzt, warum er die ganze Woche bis spät in die Nacht mit uns unentgeltlich Hilfe leistet. „Gott“, erwidert mir der junge Moslem, „gibt Dir Reichtum, wenn Du arbeitest. Machst Du aber andere glücklich, belohnt er Dich tausendfach.“

Genau das spüren wir, als wir mit Dankbarkeit, Segenswünschen und vielen gedrängelten Gruppenfotos von den kleinen Patienten und ihren Eltern aus der Klinik herzlich verabschiedet werden.

 

Dres. Eva und André Borsche

www.interplast-badkreuznach.de